Stunde Null

Eigentlich wollte ich über den Orkan schreiben, der am Montag über uns hinwegfegte und ein totales Verkehrschaos verursachte. Eigentlich.

Dann passierte gestern etwas, das so überraschend, so furchtbar und so demütigend war, dass das Thema jetzt aufs Papier muss:

Betriebsbedingte Kündigungen

Wir kamen morgens alle ganz normal ins Büro, froh darüber, dass der Nahverkehr wieder halbwegs funktionierte. Gegen 9 Uhr trudelte ein Termin rein: Wichtige Infos. Gesamte Belegschaft!
Whoops. Was ist denn da los? Mich überkam gleich ein ganz ungutes Gefühl. Mir war schon die letzten Tage aufgefallen, dass sich die Chefs ungewöhnlich häufig und lange trafen. Im Büro gab es oft lange Gesichter, man gab sich ungewohnt zugeknöpft.
Der Geschäftsführer kam pünktlich zu uns, bat alle herein und begann mit den Worten: „In der Wirtschaft gibt es gute und schlechte Tage. Heute ist ein mäßiger Tag!“
Große Augen und bleiche Gesichter überall, aber „mäßig“ klang ja noch nicht so schlimm….
Dann kam die Hiobsbotschaft: Zwei dicke Projekte laufen nicht. Finanzielle Mittel gestrichen, Verträge wurden nicht erfüllt. „Wir müssen betriebsbedingt kündigen, damit der Laden weiterläuft. Bis zum Mittag weiß jeder, ob er bleiben darf oder nicht!“

BADABUMMMMM!!!

Wir hatten noch vor zwei Wochen zwei neue Kollegen eingestellt. Für genau diese Projekte. Es waren alle möglichen Arbeitsschritte geplant und umgesetzt worden, es hatte für keinen von uns den Eindruck gemacht, als würde da etwas nicht richtig funktionieren…

Die Runde löste sich langsam auf. Wir standen etwas verwirrt im Raum herum und versuchten, die Fassung zu wahren. Die ersten Kollegen wurden in den Konferenzraum gerufen. Es war wie beim Casting. Nacheinander mussten wir die Treppe hoch, in Begleitung eines Chefs. Wir sprachen alle kein Wort. So musste es sich anfühlen, wenn man zum Schafott ging….

Die Kollegen, die einen Zettel in der Hand hatten, waren raus. Es war die Kündigung. Insgesamt verloren wir ein Drittel der Belegschaft. Allein in meinem Büro mussten 5 Leute gehen – die Hälfte. Mein Kollege hat mit einem Schlag sein ganzes Team verloren. Wie ich auch. Meine beiden Kollegen, die mit mir das Projekt wuppten, waren weg. Freigestellt. Sofort gehen, bitte.
Ich durfte bleiben. Ich war nicht erleichtert. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und fühlte mich furchtbar.
Völlige Fassungslosigkeit bei allen. Einige weinten, andere machten ihrer Wut Luft, andere waren ganz still und starrten vor sich hin. Innerhalb von 2 Stunden war alles vorbei.

Man verliert lieb gewonnene, zu Freunden gewordene Kollegen. Menschen, mit denen man seit langer Zeit den Tag verbringt. Die einen gut kennen, die einen unterstützen, die liebe Worte finden und gerne mal einen kurzen Kaffee trinken, die sich mit einem verbünden, wenn die Vorgesetzten nerven… Die Schreibtische sind unverändert. Auf dem einen steht die Kaffeetasse noch drauf, auf einem anderen liegen noch die Notizzettel herum, die Bücher sind aufgeschlagen. Als wären sie nur kurz draußen. Aber meine lieben Kollegen kommen nicht wieder. Ich vermisse sie schrecklich.

Ich kam heute überhaupt nicht in den Tritt. Musste die angefangene Arbeit meiner Kollegin weitermachen, musste Telefonate führen und dem Anrufer erklären, dass seine Ansprechperson nicht mehr da ist. Es ist scheisse. Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich mich daran gewöhnt habe. Eine Kollegin sagte ganz treffend: „Es fühlt sich an, als sei jemand gestorben!“

Außerdem ist da die Angst. Dass noch mehr gehen müssen. Dass sich nun viel verändern wird und wir nicht wissen, welche Aufgaben wir bekommen. Ob wir die Richtung komplett ändern, oder irgendwie weiterfahren… Keiner weiß so richtig, was nun passieren soll. Und das Gefühl, wie das alles gelaufen ist, bleibt fad. Kein Sozialplan, keine Teilzeitangebote… gleich radikal die Leute abgesägt. Das fühlt sich nicht besonders gut an. Auch wenn ich bleiben darf.

2 Kommentare

  1. moppilina · · Antworten

    Scheisse!

    Mehr fällt mir dazu nicht ein 😦

    1. Ist auch das einzige adäquate Wort, das mir dazu einfallen würde!

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