[*.txt] Gratwanderung

Ich sitze im Auto und mir ist schon jetzt ganz flau. Meine kleine Schwester sitzt neben mir und liest ein Buch. Noch eine halbe Stunde, bis wir wieder zu Hause sind.

Den Schlüssel ins Schloss stecken, umdrehen, Tür aufschließen. Ich atme noch einmal tief durch. Schuhe und Jacke aus. Freundliches Gesicht aufsetzen und ins Wohnzimmer gehen. Sofort geht das Gefrage los. Und jede Frage klingt in meinen Ohren wie eine Provokation. Ich weiß nicht, was ich antworten kann. Die Antworten, die ich gebe, sind nicht genug. Nicht das, was sie hören wollen.

Wir setzen uns zu den anderen, das Sektglas in der Hand. Der Weihnachtsbaum leuchtet. Ungutes Schweigen.

„Und, wie war es bei Papa?“

„Ähm, gut!“

„Ja? Was gab es denn zu essen?“

„Gulasch mit Klößen.“

„Gab es gar keinen Nachtisch?“

„Doch, Eis mit heißen Kirschen.“

„Das hört sich ja nett an.“

Es klingt kalt, wenn sie es sagt. Mit süffisantem Unterton. Ich mag dieses Verhör nicht. In keinem Jahr.

„Und was habt ihr geschenkt bekommen?“

„Ich habe mir Geld gewünscht. Papa hat dazu noch ein Buch gekauft.“

„Aha. Geld. Wie viel denn?“

Immer diese Vergleiche. Wer schenkt mehr, wer kocht besser, wer macht sich mehr Arbeit. Wer hat seine Kinder mehr lieb. Mir kocht das Blut.

„Das ist doch egal. Ich kann es grade gut gebrauchen.“

„Sag doch mal!“

„Ich möchte das aber nicht!“

„Also, jetzt stell dich doch nicht so an. Man wird doch wohl mal fragen dürfen!“
„Aber echt, was ist denn schon dabei? Nun sag doch!“

„Ich finde das aber doof.“

„Also ich verstehe gar nicht, warum du jetzt hier so ein Trara machst! Es ist doch jedes Jahr dasselbe! Immer, wenn ihr von Papa nach Hause kommt, seid ihr komisch! Ihr verändert euch total! Und nicht mal fragen darf man. Man kann gar nicht mehr mit euch reden!“

Riesige Grundsatzdiskussion. Meine Schwester weint. Hält die Situation nicht aus. Türen knallen. Die Mutter heul-schreit. Ihr Mann hält sie. Alle gegen mich. Zerreißprobe. Zwischen den Stühlen sitzen. Hin und her gezogen werden.

Hätte ich doch einfach gesagt, dass Papa uns 150 Euro geschenkt hat. Doppelt so viel, wie sie.

Aber das hätten sie wahrscheinlich auch nicht hören wollen.

Eine Gratwanderung. Jedes Jahr.

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[*.text] ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein Wort, zu dem wir Mitwirkenden auf unserem Blog schreiben können, was wir wollen. Gratwanderung ist Dominiks erstes Wort.

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