[*.txt] – wünschen

„Ich wünsche mir, mal wieder rausgehen und rumtoben zu können“, sagt sie. Kahlköpfig sitzt sie auf dem monströsen Krankenhausbett. Um sie herum piepen Monitore. Ein Schlauch spült die Chemo in ihre Venen. Ein anderer versorgt sie mit etwas Sauerstoff durch die Nase. Das Kopftuch mit den großäugigen Eulen, das die Mutter selbst genäht hat, liegt auf dem Tisch. Daneben die Nierenschale. Kotzschale nennt sie sie. „Die letzten beiden Male habe ich gar nicht spucken müssen“, erzählt sie fast ein bisschen stolz.

Ob sie sich noch was anderes wünsche? Sie habe ja bald Geburtstag und die Großeltern wollen doch so gern etwas Schönes für sie kaufen. Ihre Nase kräuselt sich, als sie nachdenkt. Sie hustet stark, bevor sie sagt: „Ich hätte gern eine große Schokotorte und meine Freunde sollen mich besuchen.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie grinsend hinzu: „Ich möchte gern ein bisschen feiern. Ihr weint die ganze Zeit nur. Ihr denkt, ich bekomme das nicht mit. Aber ich höre euch jeden Abend flüstern und Mama hat ständig rote Augen. An meinem Geburtstag wird aber gefeiert und alle sind fröhlich und lachen. Und Partyhüte hätte ich auch gern.“

Die Mama erschrickt, macht ganz große Augen und könnte schon wieder weinen, weil ihre 11-Jährige so tapfer ist. Sie hat die letzten Monate mehr im Krankenhaus zugebracht als zu Hause und ist schrecklich dünn geworden, weil ihr durch die Chemo immer schlecht ist und der Mund immer wund. Trotzdem ist ihre Kleine die Stärkste in der Familie.

„Wünschst du dir denn nichts anderes? Kein neues Spiel für deinen Game Boy? Kein Buch?“, fragt Papa.

„Nein, ich hab alles, was ich brauche. Ihr seid immer bei mir und mein großer Bruder ärgert mich nur noch ganz wenig“, sie wird ein bisschen leiser, „nur rausgehen und spielen würde ich gern mal wieder. Aber das kann ich ja, wenn ich wieder gesund bin.“

Jetzt weint die Mama doch wieder.

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[*.text] ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein Wort, zu dem wir Mitwirkenden auf unserem Blog schreiben können, was wir wollen. wünschen ist Dominiks zweites Wort.

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3 Kommentare

  1. moppilina · · Antwort

    Frei erfunden, oder Erfahrung in der Familie? Mach mir da gerade doch ein wenig Sorgen, da wir sowas aus der Familie kennen.

    1. Es gab Krebs in unserer Familie. Aber die Geschichte ist frei erfunden. Das Gefühl kenne ich allerdings aus eigener Erfahrung…

  2. moppilina · · Antwort

    Ein Scheißgefühl 😦

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