[*.txt] abgrundtief

Der Wecker klingelt schrill. Marie taucht mit blutunterlaufenen Augen aus den Kopfkissen auf. Sie lässt mit Wucht ihre Hand auf die hüpfende Uhr fahren. Stille. Wieder nicht geschlafen, wieder stundenlang wach gelegen und dem eigenen Hirn beim Denken zuhören müssen. Sie zählt die Stunden bis zum Wecker Klingeln schon nicht mehr. Draußen lärmen die Vögel und die Sonne scheint. Wie Marie das hasst! Sie zieht sich die Decke über den Kopf, möchte gern der Affe sein: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. In der Küche poltert ihre Mutter. Wenn man diese Frau denn so nennen kann. Marie tut das schon lange nicht mehr, nennt sie nur bei ihrem Vornamen. An eine Mutter, die sie tröstet, wenn sie hingefallen war, die ihr abends eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat, die sie bei einer schlechten Note in der Schule ermutigt hat, an so eine Mutter kann Marie sich nicht erinnern. Dafür hat sie Erinnerungen an eine Frau, die ihr immer klar gemacht hat, dass sie nicht gewollt war, dass sie nichts wert ist und dass aus ihr niemals etwas werden würde. Marie ist eine Schande für die Familie.

Seit Jahren gibt es ständig Streit, sie kommunizieren fast nur schreiend miteinander. Dann knallen Türen oder Ohrfeigen. Marie fühlt diesen Schmerz nicht mehr, ist wie betäubt. Anfangs war dieses dicke Fell, diese Watte, die sie um sich herum entstehen ließ, wie eine Erleichterung. Inzwischen ist sie wie ein Fluch. Sie hasst sich selbst, sie hasst diese Frau, die ihre Mutter ist, sie hasst ihre Großeltern, die die Augen verschließen und sie hasst ihren Vater, der die kleine Marie einfach verlassen hat, als sie drei Jahre alt war. Sie hasst sie alle abgrundtief.

Marie sucht sich ihre Geborgenheit woanders. Sie trifft sich häufig mit Männern, die meisten sind 10 – 15 Jahre älter als sie. Wenn sie Sex hat, spürt sie, dass sie noch da ist. Häufig benutzt sie kein Kondom, das erhöht für sie den Kick enorm und erlöst sie von der inneren Anspannung. Das Hochgefühl ebbt danach ziemlich schnell ab. Diese Zerrissenheit spürt sie seit Jahren. Es ist ein Auf und Ab, Himmel und Hölle, Liebe und Hass. Marie weiß nicht wohin mit ihren Gefühlen. Ihre Freunde reagieren manchmal geschockt, wenn sie bei einer Meinungsverschiedenheit schreit und wütend von dannen stapft. „Voll die Lappalie und die regt sich so auf“, heißt es dann. Für Marie ist es in dem Moment aber keine Kleinigkeit.

Umgekehrt ist es genauso. Die Männer verstehen nicht, dass Marie nach der gemeinsamen Nacht tiefe Gefühle entwickelt und am liebsten Tag und Nacht bei ihnen sein möchte. Und so erledigt sich eine Beziehung immer ziemlich schnell.

Das alles erzeugt unheimlichen Druck bei ihr. Seit einem Jahr ritzt sie sich mit Rasierklingen – in die Oberschenkel, damit die Narben nicht so auffallen. Das lindert den Druck ungemein, aber danach fühlt sie sie schlecht. Nach der Erleichterung kommt wieder der Hass. Der abgrundtiefe Hass auf alle anderen. Und auf sich selbst, auf ihr Leben.

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[*.text] ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein Wort, zu dem wir Mitwirkenden auf unserem Blog schreiben können, was wir wollen. abgrundtief ist Dominiks drittes Wort.

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