[*.txt] Bild

Sie sitzt nervös in einem Café. Die Stadt ist ihr fremd und sie spricht die Sprache nicht. Sie schaut auf die Uhr und seufzt. Noch fünf Minuten. Sie kramt in ihrer Tasche nach dem Bild. Es ist alt und ein bisschen zerknittert. Es zeigt eine junge Frau, die ein Baby auf dem Arm hat. Die Frau lächelt nicht. Das Baby schläft friedlich. Es ist das einzige Bild ihrer leiblichen Mutter, das sie besitzt.

Sie ist sehr behütet im Süden Deutschlands aufgewachsen. Ihre Eltern sind streng, aber liebevoll. In der Grundschule machte sie eine Klassenkameradin etwas unsanft darauf aufmerksam, dass sie ihren Eltern überhaupt nicht ähnlich sehe. Etwas verwirrt machte sie sich damals auf den Weg nach Hause. Ihre Eltern erklärten ihr alles ganz offen. Für sie war es damit geklärt. Doch im Inneren wuchs die Sehnsucht, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Als Jugendliche recherchierte sie stundenlang im Internet, fand nach langer Suche ein paar spärliche Hinweise und einen Dolmetscher. Sie telefonierte mit Behörden und Privatpersonen und vor einem halben Jahr fand sie die Frau, die ihre leibliche Mutter sein soll.

Jetzt sitzt sie hier im Osten Europas in einem Café und wartet. Ihren Tee hat sie schon ausgetrunken. Sie bestellt noch einen und überlegt, was sie die Frau alles fragen will. Warum sie sie weggegeben hat? Welche Umständen dazu geführt haben? Ob es ihre alleinige Entscheidung war? Ob sie jemals an ihre kleine Tochter gedacht hat? Ob sie versucht hat, Kontakt aufzunehmen? Sie ist gespannt, wie ähnlich sie ihrer leiblichen Mutter sieht. Ob sie die dunklen Augen von ihr hat. Wie groß sie wohl ist?

Entwurzelt hat sie sich eigentlich nie gefühlt. Sie gehört zu ihren Eltern. Die haben ihr Werte und Moral vermittelt. Sie spricht süddeutsche Mundart und hat einen großen Freundeskreis. Und dennoch war da immer dieses kleine Fünkchen, diese Sehnsucht, die tiefen Wurzeln kennenzulernen. Ihre Mama gab ihr dann das Bild. Stundenlang hat sie auf dieses schwarz-weiße Foto geschaut und gerätselt.

Seit fast zwei Stunden sitzt sie nun schon im Café. Ihre leibliche Mutter ist nicht gekommen. Sie trinkt den letzten Schluck ihres Tees aus und packt zusammen. Sie ist traurig. Aber vielleicht ist es besser so. Die Antworten auf ihre Fragen hätten sie auch verletzten können.

Sie steckt das Bild ein und geht. Die Sehnsucht bleibt.

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[*.text] ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein Wort, zu dem wir Mitwirkenden auf unserem Blog schreiben können, was wir wollen. Bild ist Dominiks viertes Wort.

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ein Kommentar

  1. […] Besonders gefallen haben mir zum Beispiel: Unsere Bilder, Genau so., Abgeschleppt, Das Bild, Bild[schön], Bild […]

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