Watt

Die Sonne brezelt vom wolkenlosen Himmel. Ich liege wie ein gestrandeter Wal auf meinem rot-gelb gestreiften Handtuch und ächze unter der Hitze. Möwen kreisen wie Geier über mir. Sie landen immer mal wieder auf dem Sand, sammeln die Reste vom Strandpicknick auf und schauen mich herausfordernd an.

Zeit, sich ein wenig abzukühlen. Ich rolle seitlich von meinem Handtuch und knie mich in den Sand. Das bereue ich sofort, denn es ist viel zu heiß. Ich robbe zurück auf das schützende Frottee und schiele auf den Imbissstand. Für ein Eis stehen die Urlauber bis zur nächsten Strandkorbvermietung – locker 50 Meter. Dann doch lieber ins Watt. Dort kühlt der Wind den Kopf und der nasse, schwere Schlamm die Füße.

Ich flitze über den glühenden Strand, damit meine Fußsohlen ihn möglichst wenig berühren. Die Luft flirrt.

Der erste Priel. Haaaach, herrlich. Meine aufgeheizten Füße zischen fast wie heißes Eisen, das in Wasser getaucht wird. Vor mir ist ein ganzes Stück schlammiger Schlick. Links von mir versucht eine junge Frau im geblümten Bikini ihrem etwa zweijährigen Zögling von einem kleinen Wattspaziergang zu überzeugen. Der braune Schlick quillt weich durch seine Zehenzwischenräume. Er verzieht angeekelt das Gesicht, schaut dann seine Mutter an, die ihm aufmunternd zunickt. „Ihhhhh! Aa!“ ruft er. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Das ist kein Aa, das ist nur Watt“, erklärt sie. Er lässt sich nicht überzeugen. Sie versucht, ihn mit einem Krebs abzulenken. Keine gute Idee. Zu seinem Ekel gesellt sich Entsetzen. Die aufgerissenen Augen füllen sich mit Tränen und der Kleine stößt einen Schrei aus.

Ich wende mich ab, mache drei große Schritte durch den „Aa-Schlick“ und stehe auf festem Watt. Grobporig präsentiert es sich meinen Fußsohlen. Ich beginne zu laufen. Weit hinten am Horizont fahren große Containerschiffe. Das Meer dort hinten glitzert. Ein frischer Wind kühlt meinen erhitzten Kopf. Beim Laufen spüre ich kleine Muschelstückchen unter meinen Füßen. Rechts vor mir liegt eine große, glibberige weiße Qualle. Die hat es wohl nicht mehr rechtzeitig mit der Flut zurückgeschafft.

Das Watt ist ganz wellig vom Rückfluss des Wassers. Mir fallen kleine Erdhäufchen auf. Ich denke an meinen Vater, der mir als Kind erklärt hat, wo die herkommen. In seiner norddeutschen Art sagte er platt: „Kurz gesagt: Wattwürmerscheisse.“

Also hatte der Lütte irgendwie doch recht: „Ihh, Aa!“

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. moppilina · · Antwort

    Hach. . Das war ganz toll zu lesen 🙂

    1. Vielen lieben Dank. Das freut mich wieder sehr 😉

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