[*.txt] Schwermut

Da ist diese kleine Wolke, die immer da ist. Dunkelgrau schwebt sie über einem und regnet unablässig auf einen herab. Immer.
Morgens beim Aufstehen ist sie schon da. Sie versaut einem gründlich den Tag, da ist man noch nicht einmal aus dem Bett. Man mag gar nicht aufstehen, wofür auch? Sie wird sich nicht verziehen, sie wird da sein und weiter auf einen regnen.
Hat man sich aus dem Bett gequält, geht es langsam ins Bad. Die dunkelgraue Wolke folgt einem, grollt bedrohlich, um daran zu erinnern, dass es ein Scheißtag wird. Mal wieder, denn mit ihr steht man immer im Schatten. Jeder Tag fühlt sich wie ein verregneter Novembertag an. Nass, fröstelnd, windig.
Wenn die Freunde ins Gespräch vertieft sind, grollt die dunkelgraue Wolke wieder, schlägt ab und zu Blitze. Man kann dem Gespräch kaum folgen, weil man auf die Wolke konzentriert ist. Man ist genervt und wie in Watte gepackt.
Beim Essen verdirbt sie einem den Appetit. Es schmeckt alles gleich. Verwässert, fad, langweilig.
Sie nimmt einem jeden Spaß. Im Kino, beim Sport, im Urlaub, auf der Arbeit. Jede Situation ist mit ihr gleich. Verregnet, dunkelgrau, ungemütlich.
Abends grollt sie so laut, dass man nicht einschlafen kann. Man wünscht, sie wäre endlich weg, diese verdammte dunkelgraue Wolke. Funktioniert aber nicht.
Aber es gibt Menschen, die sind wie ein Regenschirm. Ist man mit ihnen zusammen, ist es einen Moment lang gemütlich und warm. Dann kann man wieder ein bisschen genießen. Man nimmt die Wolke nicht mehr so ernst und denkt nicht ständig an sie. Manchmal wird sie kleiner. Manchmal verschwindet sie ganz. Manchmal kommt sie wieder.
Diese Momente mit den Regenschirm-Menschen sind besonders. Sie können einem helfen, selbst einen Regenschirm aufzubauen. Der ist zwar sehr zerbrechlich und hat ein paar Löcher, aber er ist da.

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[*.text] ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein Wort, zu dem wir Mitwirkenden auf unserem Blog schreiben können, was wir wollen. Schwermut ist Dominiks elftes Wort.

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