Gilles – Das Gesicht der Attentate in Paris

Drei Wochen ist es heute her, dass islamistische Attentäter 130 Menschen kaltblütig ermordeten. Beim Abendessen, beim Feierabendbier, beim Anfeuern der Fußballmannschaft, beim Tanzen, beim Zusammensein mit Freunden und Familie. Dinge, die alle von uns tun, die das Leben bereichern und lebenswert machen.
Als die Nachricht über die ersten Bomben im Stade de France kamen, saßen wir gerade auf dem Sofa. Ungläubig starrten wir auf die Eilmeldung auf dem Handy und schalteten zur Liveübertragung des Spiels. Der etwas verstörte Stadionkommentator versuchte, die Explosionen einzuordnen und zu erklären. Das Spiel lief weiter. Von da an stand das Handy nicht mehr still. Alle paar Minuten kam eine neue Eilmeldung mit wirklich üblen Nachrichten. Wir schalteten abwechselnd zwischen drei Nachrichtensendern hin und her. Dort wurde man sich langsam der Tragweite bewusst und hatte sich auf eine lange Berichterstattung eingerichtet. Es war kurz nach 22 Uhr.
Ich schrieb einer Bekannten, die genau dort, im 10. Arrondissement wohnt, ob alles okay und sie sicher sei.
Dann recherchierte ich auf Twitter und Instagram. Mit einem Mal bekam das Ganze ein Gesicht.

Foto: juistviking

Gilles und Marianne waren an diesem Abend im Le Bataclan, um die Eagles of Death Metal zu sehen. Das Selfie war erst zwei Stunden alt und es fanden sich nur zwei Kommentare da drunter. Ich fragte mich, ob die beiden okay sind und aus diesem Blutbad entkommen konnten, das sich immer noch in der Konzerthalle abspielte…
Mittlerweile bereiteten sich Spezialeinheiten auf die Stürmung des Bataclans vor. Es tauchten Handybilder von den Straßen auf. Schlimme Bilder von verwüsteten Cafés und Blut auf den Bürgersteigen. Das TV hatte auch schon die ersten Augenzeugen vor der Kamera. Aufgelöste Leute, die weinten und seltsam ruhige Menschen, die erzählen konnten, was sie gesehen hatten.
Unter Gilles‘ Bild häuften sich inzwischen die Kommentare. So viele Fragen, aber keine Antwort.
Wir saßen bis kurz vor 3 Uhr vor dem Fernseher. Ich konnte die Nacht nicht gut schlafen. Am Morgen nach dem Aufwachen die nächsten Eilmeldungen aus Paris auf dem Handy. Unsere Bekannte hatte sich auch gemeldet. Es gehe ihr gut und sie sei sicher. Aber auf den Straßen sei es chaotisch und sie käme ohne Polizei nicht mehr in die Wohnung…
Im TV wieder Live-Berichterstattung aus Paris. Die ersten Kerzen und Blumen wurden an den Tatorten abgelegt. Immer mehr Augenzeugen kamen zu Wort. Und auch bei Gilles tat sich einiges unter dem Bild. Menschen aus der ganzen Welt sorgten sich um das Paar. Irgendwann am Tag kam die Meldung, dass Marianne in einem Krankenhaus gefunden worden sei. Sie sei unverletzt, hätte aber einen schweren Schock und könne sich an nichts mehr erinnern. Von Gilles fehlte jede Spur. Die Community setzte eine riesige Suchaktion in Gang. Das Foto ging viral. Unter dem Hashtag #rechercheParis wurden Vermisste auf Twitter und Facebook gesucht und Informationen geteilt. Es wurden unterschiedliche Bilder von bärtigen Männern hochgeladen, die Gilles sein könnten. Blutüberströmt auf einer Trage, telefonierend mit einer Wärmedecke am Arm eines Polizisten, sitzend auf einer Liege. Keiner von ihnen sei Gilles, erklärte seine Schwester.
Unter seinem Bild explodierten die Kommentare. Alle beteten und hofften für ihn, sprachen Marianne und seiner Familie Mut zu. Keiner gab die Hoffnung auf. Auch ich nicht.
Wir schleppten uns irgendwie durch das Wochenende. Der Herzmann musste beruflich am Montag nach Berlin. Mir war dabei mulmig zumute, nachdem auch in Hannover der Terroralarm ausgelöst worde war.
Montagabend erklärte die Familie bei Facebook dann, dass Gilles seine schweren Verletzungen nicht überlebt hatte. Er war im Bataclan einer der ersten, der im Kugelhagel fiel. Er hatte sich schützend vor seine Verlobte Marianne geworfen. Gilles, der leidenschaftliche Florist, der Rockmusik liebte und gern reiste, wurde nur 32 Jahre alt.
Ich war traurig und innerlich leer. Menschen aus der ganzen Welt fanden tröstende Worte und kondolierten der Familie. Schon lange nicht mehr hat mich das Schicksal eines Fremden so sehr mitgenommen. Woran lag das?
Vier Wochen vor den Attentaten hatten wir mitten in dem Stadtteil der Anschlagsorte gewohnt, waren mit Freunden Samstagabend unterwegs, hatten in einem Restaurant gegessen. Es war damals auch warm, die Menschen saßen nachts draußen und wir waren mittendrin.
Der Herzmann und ich hören ganz ähnliche Musik, gehen heute auf ein Konzert, weil wir die Musik lieben und zusammen eine schöne Zeit haben wollen. Die meisten Opfer waren in unserem Alter. Junge Leute, die das Leben genießen. Es hätte auch hier passieren können.

Und dennoch: Trotz der schlimmen Bilder, der Videos, der Augenzeugenberichte, gab es für mich auch positive Momente. Die Menschen, die aus aller Welt versuchten zu helfen, die recherchierten, die tröstende Worte fanden und die, die Hoffnung verbreiteten. Das Schicksal Gilles‘ und der anderen Opfer hat uns zusammengeführt, uns Mitgefühl und Empathie empfinden lassen und uns gelehrt, das Leben zu genießen! Ich möchte keine Angst haben, ich möchte meine Freiheiten genießen, Konzerte besuchen, in Restaurants essen und mich draußen mit Freunden treffen.

Und ich möchte, dass die Welt zusammensteht. Dass wir die Flüchtlinge, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, den Terror beispielsweise in Syrien erleben müssen, empfangen und ihnen genauso viel Empathie und Hilfe entgegenbringen, wie den Opfern und den Familien der Pariser Anschläge. Wir sind eine Welt, wir sind alle Menschen, wir sollten uns nichts vom Terror einschränken lassen und auch anderen ein angstfreies und lebenswertes Leben ermöglichen.

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6 Kommentare

  1. moppilina · · Antwort

    Der Tag war wirklich sehr schlimm. Lino und ich saßen auch sprachlos auf dem Sofa. Bis weit nach 3 Uhr waren wir wach um uns auf dem laufenden zu halten.

    Auch, wenn es mehr als schlimm ist, was dort passiert ist…

    Ihr hattet Glück und wart zur richtigen Zeit dort.

    1. Uns ging es genauso. Ich bin froh, dass wir dort waren. Aber wir merken auch, dass Böse schläft nie…

      1. moppilina · ·

        So ist es. Egal wo man hinschaut.
        Ich find das unfassbar.
        Manchmal möchte ich wieder klein sein. Da gab es sowas nicht und man konnte unbeschwert Leben.

        Heute werden Menschen kaltblütig ermordet, weil sie einen anderen glauben haben.

      2. Zumindest haben wir das nicht mitbekommen. Da war wichtig, dass man möglichst schnell nach draußen zum Toben kommt. Aber unsere Eltern haben bestimmt auch Sorgen wegen der RAF gehabt. Allerdings waren deren Ziele noch eher Politiker…

      3. moppilina · ·

        Ja, ganz bestimmt war das so.
        Aber da hat man sich, wie du schon sagst, „nur“ auf die „großen, wichtigen“ konzentriert.

        Ich hab wirklich Panik was uns 2016 erwartet.

      4. Ich bin auch unruhig und denke, dass es viel verändern wird.
        Aber ich will mich auch nicht in meiner Freiheit einschränken lassen.

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